Unser Selbstverständnis

In der Mythologie ist eine Chimäre ein Mischwesen, welches meist aus Mensch und ›Tier‹ besteht. Im Kontext der gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnisse weisen wir mit unserer Namensgebung auf die machtvollen Prozesse hin, im Zuge derer die Grenzen zwischen Menschen und nichtmenschlichen Tieren gezogen und naturalisiert werden. Es soll aber auch auf die Durchlässigkeit und Verschiebbarkeit der Grenzen aufmerksam gemacht und diese in ihren Entstehungszusammenhängen kontextualisiert und damit politisiert werden.

Chimaira ist ein wissenschaftliches Netzwerk von Akademiker_innen verschiedener Disziplinen sowie Künstler_innen und Aktivist_innen, die sich mit Mensch-Tier-Verhältnissen auseinandersetzen und denen es ein Anliegen ist, zu einer Etablierung der Human-Animal Studies beizutragen. Unsere Perspektive auf dieses neue akademische Feld ist sowohl inter- und transdisziplinär als auch kritisch angelegt. Die gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnisse sind historisch gemachte Verhältnisse und können deshalb auch nicht als feststehende Phänomene verstanden werden, sondern nur als durch die aktuellen materiellen und diskursiven Gegebenheiten bedingt. Wenn wir die gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnisse in ihrer Historizität analysieren, sie also nicht als naturgegeben, sondern als veränderbar begreifen, so geht damit auch gleichzeitig eine Politisierung dieser Verhältnisse einher. Deshalb versteht sich der Chimaira Arbeitskreis auch als akademischer und politischer Akteur, der die gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnisse als in weitere Machtverhältnisse eingebettet begreift. Alle Wissenschaften sind mit Werten, Geschichten und Perspektiven beladen, die aus dem jeweiligen historischen, geopolitischen und normativen Kontext der Wissenschaftler_innen stammen, die sie produzieren. Dies ist auch und sehr grundlegend im Bereich der Wissenschaften der Fall, die sich explizit oder implizit mit nichtmenschlichen Tieren befassen. Eine neutrale, rein deskriptive Wissenschaft (über Mensch-Tier-Verhältnisse) zu proklamieren, verschleiert die diskurspolitische Herkunft der Forschenden und macht die eigenen Verwicklungen in anthropozentrische Denkweisen unsichtbar. Eine solche Wissenschaft schreibt die hegemoniale Geschichte der gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnisse affirmativ fort. Chimaira bezieht deshalb Stellung und legt dabei die eigene Einbettung in theoretische sowie politische Kontexte offen.

Verschiedene Herrschaftsmechanismen fassen wir als miteinander verschränkt auf und betrachten Speziesismus nicht als ein isoliertes Herrschaftsverhältnis, sondern als mit Rassismus, Sexismus und anderen Herrschaftsverhältnissen verschränkt und fühlen uns Theorien der Gender, Queer und Postcolonial Studies verbunden. Annahmen und Kritiken, wie z. B. die Analyse der Konstruktion ›des Anderen‹ oder die kritische Sicht auf Repräsentation und Identitätspolitik, ziehen wir für unsere Analysen der Mensch-Tier-Verhältnisse heran und nehmen sie in unsere Arbeiten auf.

Chimaira ist der Auffassung, dass die Etablierung der kritischen Human-Animal Studies in der gegenwärtigen Forschungslandschaft notwendig ist – sowohl aufgrund der Verschiebung der Diskurse, durch die es leichter wird, nicht-menschliche Tiere in die Gesellschaftsanalyse mit einzubeziehen, als auch aufgrund der Notwendigkeit einer Intervention in die ausbeuterische Realität der hegemonialen Mensch-Tier-Verhältnisse. Wissenschaftlicher Fortschritt entwickelt sich nicht, weil die Forschung der Wahrheit immer näher kommt, sondern weil bestehende Ansätze in Krisen geraten. Die Ausblendung von nichtmenschlichen Tieren aus der (Analyse von) Gesellschaft stößt immer mehr auf Grenzen und auch auf Gegenwehr. Sie ist mit dem Fortschreiten von politischen, philosophischen, aber auch naturwissenschaftlichen und erkenntnistheoretischen Debatten, die nichtmenschliche Tiere in anderer Form theoretisieren, nicht mehr haltbar.