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Christiane S. und die neuen Formen des Human-Animal-Studies-Bashings

Dass die zunehmende Popularität der Human-Animal Studies (HAS) im deutschsprachigen Bereich manche Menschen in Angst versetzt, ist nichts Neues. Fanden sich vor ein paar Jahren die erbitterten Kritiken noch vor allem auf Blogs und in eher auflagenschwachen Zeitungen, sind sie inzwischen auch in etablierteren Medien angekommen. So hat beispielsweise Magnus Klaue in der FAZ in einem Artikel vom 6.1.2016 Publikationen unseres Arbeitskreises als „blanken Unsinn“ bezeichnet und ihm die vermeintlich solidere Arbeit der Historikerin Mieke Roscher entgegengesetzt. Was Klaue leider übersah: Mieke Roscher ist in unseren Publikationen selbst mit diversen Beiträgen vertreten und die dem Arbeitskreis zugeschriebenen Thesen werden in den von ihm erwähnten Texten gar nicht aufgestellt.

Eine neue Form der Kritik haben nun Christiane Schulte und ihre Mitstreiter_innen gewählt: Schulte hielt auf der Tagung „’Tiere unserer Heimat‘: Auswirkungen der SED-Ideologie auf gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnisse in der DDR“ an der Technischen Universität Berlin, veranstaltet im Februar 2015 von einem Mitglied unseres Arbeitskreises, einen Vortrag mit dem Titel „Der deutsch-deutsche Schäferhund – Ein Beitrag zur Gewaltgeschichte des Jahrhunderts der Extreme“, der, wie sie in einem hier veröffentlichten Text darlegt, frei erfunden war (siehe auch nd vom 16.02.2016 und Blogeintrag von Moritz Hoffmann vom 16.02.2016). Wir möchten im Folgenden auf die von Schulte formulieren Vorwürfe eingehen, soweit sie nicht die Publikation des Papers in der Zeitschrift „Totalitarismus und Demokratie“ betreffen, da wir mit dieser Zeitschrift nicht verbunden und somit auch über deren Veröffentlichungskriterien nicht unterrichtet sind.

Wissenschaftliche Praxis

Christiane Schulte und Freund_innen behaupten, Schultes Vortrag wäre auf der Konferenz zwangsläufig enthüllt worden, wenn die Human-Animal Studies mehr als eine Modeerscheinung ohne wissenschaftliche Tiefe wären. Uns erscheint es hingegen plausibel, dass dies nicht geschah und zwar aus folgenden Gründen, die sich zum einen auf das Wesen von Konferenzen und zum anderen auf den Inhalt des Vortrags beziehen: Zu Ersterem lässt sich sagen, dass Referent_innen in ihren mündlichen Vorträgen Quellen häufig nicht sehr ausführlich benennen und selbst wenn dies geschieht, findet keine parallele Überprüfung der Angaben durch die Zuhörenden statt – wie sollte dies auch funktionieren? Nicht nur innerhalb der Human-Animal Studies, sondern generell bei (geistes- und sozial-)wissenschaftlichen Konferenzen, existiert in der Regel ein gewisser Vertrauensvorschuss gegenüber den Vortragenden, von deren wissenschaftlicher Redlichkeit ausgegangen wird. Dieses Vertrauen zu missbrauchen, ist nach unserer Meinung ein Vorgehen, das einem wissenschaftlichen Ethos widerspricht. Eine Konferenz ist ein Ort des Austausches, der gegenseitigen Anregung und des Gesprächsangebots, der in dieser Form nicht mehr funktionieren kann, wenn hinter jedem Vortrag eine Fälschung vermutet werden muss.

Bleibt die Frage, warum die Fälschung nicht vor der Konferenz, also beim Auswahlprozess, auffiel. Schließlich mussten alle Personen, die eine Präsentation ihres Themas anstrebten, vorher zwei Bedingungen erfüllen: zunächst ein Abstract und anschließend ein 15-seitiges Paper einreichen. Zu Schultes Abstract, vor allem jedoch zu ihrem ausführlicheren Paper, lässt sich feststellen, dass die meisten angegeben Quellen aus existierenden und thematisch relevanten wissenschaftlichen Werken stammten. In einigen Fällen handelte es sich um Archivmaterial, dessen Überprüfung eine Fahrt in das entsprechende Archiv notwendig gemacht hätte. Dass solch intensive Kontrollen von Angaben in Papern weder üblich noch möglich sind, dürfte allen, die im Wissenschaftsbereich tätig sind, bewusst sein.

Natürlich hätte Schultes Paper/Vortrag dennoch Misstrauen erregen können, nämlich dann, wenn die darin enthaltenen Thesen völlig absurd gewesen wären. Dem ist jedoch, entgegen der Behauptung von Schulte & Co., nicht so. Bei Schultes Paper/Vortrag handelt es sich keinesfalls um ein „absurdes Beitragsangebot“ –  so die Autorin in ihrem Artikel –, vielmehr werden bereits bestehende Forschungsansätze zum Thema „Hunde als Instrumente totalitärer Staatsgewalt“ aufgegriffen, wie sie sich beispielsweise bei Skabel und Aaron (2010), Möhring (2011) und Wippermann (1998) finden. Weiterhin ist bisher weder bewiesen noch widerlegt, dass Wachhunde aus der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) nicht von KZ-Hunden abstammten. Auch die Forderung nach einem (integrierten) Mahnmal für tote Mauerhunde, die Schulte als den Moment darstellt, an dem ihre Fälschung spätestens hätte auffallen müssen, ist keineswegs ungewöhnlich; vielmehr existieren bereits entsprechende Gedenkorte, wie  das „Animals in War Memorial“ am Londoner Hyde Park, mit dem Tieren gedacht wird, die in Kriegen umkamen. Auch gibt es, wenngleich nicht auf den Gedenkkontext beschränkt, mit „Kaninchenfeld“ von Karla Sachse seit 1999 direkt an einem ehemaligen Berliner Grenzübergang eine künstlerische Installation zu den die Grenze untergrabenden Kaninchen. Es mag sein, dass Menschen wie Schulte eine Forderung nach einem Mahnmal für Mauerhunde tatsächlich absurd erscheint, es ist jedoch gleichfalls absurd, von denjenigen, die einem anderen Mensch-Tier-Verständnis folgen, an dieser Stelle einen Aufschrei zu erwarten. Zudem muss noch erwähnt werden, dass Schultes Vortrag keineswegs auf einhellige Zustimmung stieß – es gab durchaus kritische Nachfragen, die jedoch in Schultes Artikel keine Erwähnung finden.

Worum geht es wirklich?

Dies wirft die Frage auf, worum es Schulte & Co. mit ihrem Täuschungsversuch wirklich ging. Anscheinend nicht um eine Kritik an der gängigen Überprüfungspraxis von Quellen, denn in ihrem Artikel finden sich keine Vorschläge für eine Veränderung derselben. Im Gegenteil weisen die Autor_innen darauf hin, dass ein verstärktes „peer review“ oder mehr Gutachten das Problem nicht wirklich lösen könnten, da dieses inhaltlicher Natur sei, sprich, mit dem Wesen der aktuellen Geisteswissenschaften zu tun habe. Unter diesen Geisteswissenschaften scheint jedoch insbesondere eine alle unangenehmen Eigenschaften in sich zu vereinen: die „Modewissenschaft“ Human-Animal Studies. Obwohl ein Eingehen auf die Inhalte der Totalitarismusforschung deutlich naheliegender gewesen wäre, da falsche Quellenangaben eher bei einer Publikation als bei einem Vortrag auffallen sollten und das gefälschte Paper in der Zeitschrift „Demokratie und Totalitarismus“ des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung veröffentlicht wurde, beschäftigt sich der Großteil des Textes mit einem Verriss der HAS. Dies macht deutlich, dass die Kritik an der mangelnden Registrierung gefälschter Quellen tatsächlich nur dazu dient, die recht schlichten und durchaus bekannten Argumente gegen die HAS mit einer größeren Legitimation zu versehen. Kritik an derartigen Argumenten wurde bereits an anderer Stelle geübt.

Dass die Autor_innen bestimmte Absichten verfolgen (oder sich schlichtweg nicht auskennen), zeigt sich in der Darstellung der Human-Animal Studies als wissenschaftlicher Zweig der Tierrechtsbewegung und in ihrer Reduktion derselben auf die Agency-Debatte. Tatsächlich handelt es sich bei den HAS jedoch um ein sehr breites, interdisziplinäres Forschungsfeld, das sich sowohl durch thematische Vielfalt auszeichnet, als auch durch deutliche Unterschiede bezüglich der Verortung der Forscher_innen(gruppen): Während sich einige, wie beispielsweise unser Arbeitskreis, innerhalb der kritischen Wissenschaften verorten und über die kritische Betrachtung der bestehenden Verhältnisse durchaus auch zu einer Veränderung gesellschaftlicher Mensch-Tier-Verhältnisse beitragen wollen, bevorzugen andere einen rein deskriptiven Ansatz. Eine solch differenzierte Betrachtung des Forschungsfelds wäre mit dem plumpen Human-Animal-Studies-Bashing von Schulte & Co. jedoch kaum vereinbar gewesen.

Allen, die sich für eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema „Agency bei nichtmenschlichen Tieren“ interessieren, möchten wir unsere neue Publikation „Das Handeln der Tiere. Tierliche Agency im Fokus der Human-Animal Studies“ ans Herz legen.

Chimaira – Arbeitskreis für Human-Animal Studies

 

Zitierte Literatur:

  • Möhring, Maren: „Herrentiere“ und „Untermenschen“. Zu den Transformationen des Mensch-Tier- Verhältnisses im nationalsozialistischen Deutschland, in: Historische Anthropologie, 19 (2011) 2, S. 229-244.
  • Skabel / Aaron: Rassismus züchten. Schäferhunde im Dienst der Gewaltherrschaft, in: Brantz, Dorothee/Mauch, Christof (Hrsg.): Tierische Geschichte. Die Beziehung von Mensch und Tier in der Kultur der Moderne, Paderborn (u. a.) 2010, S. 58-78.
  • Wippermann, Wolfgang: Der Hund als Propaganda und Terrorinstrument im Nationalsozialismus, in: Schäffer, Johann (Hrsg.): Veterinärmedizin im Dritten Reich, Gießen 1998, S. 193-206.