Call for Papers: Forschungswerkstatt und Sammelband „Tierliche Agency“

Handeln Tiere?  Zur Theorie und Praxis tierlicher Agency

Der Chimaira Arbeitskreis für Human-Animal Studies veranstaltet in Kooperation mit dem Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin und der Nachwuchsforschungsgruppe „Wissenschaftsethik der Forschung für Nachhaltige Entwicklung“ des Internationalen Zentrums für Ethik in den Wissenschaften Tübingen im Herbst dieses Jahres eine Forschungswerkstatt zum Thema „Tierliche Agency“.  Hierauf aufbauend wird 2015 ein Sammelband herausgegeben.

Call for Papers

Geht Handlungsmacht ausschließlich von menschlichen Subjekten aus? Diese These möchten wir in einer Forschungswerkstatt in Hinblick auf die Besonderheiten tierlicher Agency kritisch hinterfragen.

Handlungstheoretische Grundlage gängiger Theoriebildung ist zumeist ein – mehr oder minder – stark ausgeprägtes Modell rationalen menschlichen Handelns. Während diese Reduktion des Handlungsbegriffes die hegemoniale abendländisch-moderne Gegenüberstellung zwischen Mensch und Natur, Subjekt und Objekt widerspiegelt, finden sich in der jüngeren kultur- und sozialwissenschaftlichen Theoriebildung Ansätze, die Handlungsmacht über Grenzen von Lebewesen hinweg auch auf unbelebte Materie verschieben (Bruno Latour, Jane Bennett). Viele solcher Konzepte versäumen es jedoch, die Eigenschaften und Bedingungen tierlichen Handelns genauer zu betrachten. Über alle disziplinären Grenzen hinweg wird tierliche Agency zumeist als konstitutive Differenz des Menschlichen gefasst oder unter eine breitere Form der Agency subsummiert und damit letztendlich mit unbelebter Materie gleichgesetzt.

Erst in jüngster Zeit finden sich vereinzelt Versuche, die Spezifika tierlicher Agency jenseits der Pole Materie und Mensch zu denken. Erste Forschungsarbeiten aus dem englischsprachigen  Raum fokussieren tierliche Agency explizit in ihrer theoretischen Auseinandersetzung oder widmen sich der konkreten Praxis der handelnden tierlichen Individuen (Sarah McFarland, Ryan Hediger, Hans-Johann Glock, Donna Haraway).

Um die akademische Auseinandersetzung weiterzuentwickeln und die Diskussion über tierliche Agency auch im deutschen Sprachraum anzustoßen, wird die im Herbst dieses Jahres stattfindende Chimaira-Forschungswerkstatt das Thema in den Blick nehmen. Sie richtet sich an Wissenschaftler_innen, Promovierende und Studierende in höheren Semestern mit Interesse an Human-Animal Studies. Die Werkstatt soll der Begegnung der Forschenden und ihrer Theorien sowie der gemeinsamen Erarbeitung theoretischer Fundamente dienen und den bereits in den Themenfeldern Aktiven fachlichen und persönlichen Austausch bieten. Erkenntnisse verschiedener Disziplinen sollen zusammengeführt und der Diskussionsstand im Feld vorangetrieben werden.

In der Forschungswerkstatt und dem Sammelband wollen wir uns unter anderem folgende(n) Fragen stellen:

Welche Rolle spielen Agency-Theorien für die Analyse der gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnisse? Ist es sinnvoll die Leben/Materie-Grenze zu verwischen, um den Problemen einer subjektzentrierten Agency-Konzeption zu entgehen? Ist der explizite Fokus auf tierliche Lebensrealitäten und ihre Handlungsmacht sinnvoll, da diese in hegemonialer Tradition diskursiv gerade als Träger von ihr ausgeschlossen werden? Müssen wir tierliche Agency entweder als Erweiterung menschlicher Agency oder aus der Perspektive einer der Materie inhärenten Handlungsmacht verstehen oder auf eine eigene neue Weise begreifen? Wie lässt sich die Analyse tierlicher Agency mit anderen Ansätzen, beispielsweise aus Postkolonialen oder Gender-Theorien zusammenbringen, die die hegemonialen Agency-Konzeptionen ebenfalls hinterfragen? Welche Rolle spielen Forschungsergebnisse der Verhaltensbiologie, Neurobiologie sowie Tiersprachforschung für die Frage nach tierlicher Agency? Welche Perspektiven auf tierliche Handlungsmacht lassen sich durch neue Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz entwickeln? Wie verhalten sich die einzelnen Agency-Konzeptionalisierungen wenn wir die Rolle von nichtmenschlichen Tieren innerhalb von Macht- und Gewaltverhältnissen beschreiben wollen? Welche Konsequenz hat es für die konkreten tierlichen Individuen, deren Agency anerkannt und sogar als expliziter Teil z.B. eines Versuchsaufbaus in Tierversuchen vorausgesetzt wird?

Im Anschluss an die Forschungswerkstatt wird ein Sammelband herausgegeben, der die verschiedenen Aspekte tierlicher Agency aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten soll. Dieser versteht sich als eigenständige wissenschaftliche Publikation.

Die Forschungswerkstatt findet vom 31. Oktober bis 02. November 2014 in einem Seminarhaus statt, dessen Ort noch bekanntgegeben wird. Für die Tagung ist ein geringer Unkostenbeitrag für Unterkunft und Verpflegung zu entrichten. Die Teilnahme ist auf 20 Teilnehmer_innen begrenzt, um diskussionsfähige Gruppen zu ermöglichen. Die Übernahme eines Inputreferates oder einer anderen Form der aktiven Beteiligung ist obligatorisch.

Es besteht die Möglichkeit, sich nur für die Forschungswerkstatt oder nur für einen Beitrag für den Sammelband zu bewerben, ideal wäre eine Beteiligung an beidem. Um sich für die Teilnahme an der Forschungswerkstatt und/oder für einen Beitrag im Sammelband zu bewerben, senden Sie uns bitte ein Abstract ihres Themenvorschlags (max. 6000 Zeichen) und eine kurze Beschreibung der persönlichen Arbeitsschwerpunkte bis zum 15. August 2014 zu. Druckfertige Artikel für den Sammelband müssen bis zum 31.01.2015 abgegeben werden und sollen sich in einem Umfang zwischen 30.000 und 50.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen und Literaturverzeichnis) bewegen. Wir werden Ihnen bis Mitte September 2014 Bescheid geben, ob Ihr Thema angenommen wurde, und senden Ihnen dann weitere Informationen zu.

Kontaktadresse:
Chimaira – Arbeitskreis für Human-Animal Studies
forschungswerkstatt@human-animal-studies.de

Den Call for Papers als pdf-Version finden Sie hier.

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