Neuerscheinung: Das Handeln der Tiere

Der neue Sammelband von Mitgliedern des Chimaira Arbeitskreises „Das Handeln der Tiere. Tierliche Agency im Fokus der Human-Animal Studies“ erscheint im Dezember 2015 im transcript Verlag. Hier können Sie den Sammelband bei uns vorbestellen, womit Sie unsere Arbeit direkt unterstützen.

CoverDer transdisziplinäre Sammelband widmet sich als erste deutschsprachige Publikation den vielfältigen Fragen nach tierlicher Handlungs- und Wirkungsmacht. Die Human-Animal Studies nehmen sich damit einer Leerstelle in der bisherigen Forschung um das zentrale Konzept der Agency an, welches in den verschiedensten Disziplinen auf der Tagesordnung steht. Dabei kontrovers diskutierte Ansätze jenseits des Anthropozentrismus, wie z. B. die Akteur-Netzwerk-Theorie und der New Materialism, werden erstmalig explizit auf tierliche Akteur_innen fokussiert.

Preis: 29, 99 Euro
272 Seiten
ISBN 978-3-8376-3226-2

Im Frühjahr 2016 wird es eine Buchvorstellungstour geben. Die Termine werden hier in den nächsten Wochen veröffentlicht.

Aus dem Inhalt:

Mieke Roscher
Zwischen Wirkungsmacht und Handlungsmacht.
Sozialgeschichtliche Perspektiven auf tierliche Agency

Dieser Aufsatz beschäftigt sich mit der Anwendung von Akteursbegriffen als genuinem Gegenstand sozialhistorischer Annäherungen an historische Subjekte und der Problematik der Ausweitung dieser Annäherung auf Tiere. Dargestellt wird, wie diese Probleme sowohl semantischer wie methodischer Natur sind und welche Auswirkungen diese Differenz in der Auslegung von Agency für Tiere als historische Subjekte hat. Damit wird einerseits für eine sauberere Trennung zwischen der Zuschreibung von Wirkungsmacht und Handlungsmacht, andererseits für eine generelle Ausweitung der Untersuchung auf das Soziale plädiert. Vorgeschlagen wird eine Diversifizierung von Akteurseigenschaften nach relationaler agency, embodied agency, animal agency und entangled agency unter Berücksichtigung des jeweiligen sozialen und zeitlichen Kontextes.

Dominik Ohrem
(In)VulnerAbilities. Postanthropozentrische Perspektiven auf Verwundbarkeit, Handlungsmacht und die Ontologie des Körpers

Der Aufsatz setzt sich mit dem Begriff der Verwundbarkeit, dessen problematischem Verhältnis zum Agency-Konzept sowie der Relevanz beider Begriffe für gängige Vorstellungen von Körperlichkeit auseinander. Kritisiert wird ein noch immer vorherrschendes reduktionistisch-negatives Verständnis von Verwundbarkeit, das sich auch in der jüngeren posthumanistischen Begriffsverwendung – so etwa bei Cary Wolfe – widerspiegelt. In Bezug auf feministische und andere Arbeiten zu Korporalität plädiert der Aufsatz für eine postanthropozentrische Ontologie des Körpers, die sich der Dichotomie von (passiver) Verwundbarkeit und (aktiver) Handlungsmacht entzieht, die konstitutive ›Welt-Offenheit‹ menschlicher und tierlicher Körper betont und damit Impulse für die Analyse von Mensch-Tier-Beziehungen liefern kann.

Leonie Bossert
Nichtmenschliche Tiere als moralisch Handelnde? Eine kritische Reflexion der Argumente von Marc Bekoff/ Jessica Pierce und Mark Rowlands

Die Auseinandersetzung mit Fragen nach tierlicher Handlungsmacht führt stets auch zur Frage nach der Befähigung nichtmenschlicher Tiere zu moralischem Handeln. Handelt z. B. ein Hund, der ein Kaninchenbaby mit ›nach Hause‹ bringt, welches sonst verhungern würde, moralisch? Diese Frage wird im vorliegenden Beitrag diskutiert. Dabei wird auf die, für die Debatte um tierliche Moralbefähigung zentralen, Positionen von Marc Bekoff und Jessica Pierce (Wild Justice) sowie Mark Rowlands (Can Animals be Moral?) fokussiert. Ihre Argumente, mit denen sie die Moralbefähigung nichtmenschlicher Tiere begründen, werden ausführlich dargestellt und im Anschluss daran kritisch reflektiert. Das Ende des Beitrages stellt die Bezugnahme zur gesellschaftlichen Relevanz des Themas dar.

Sven Wirth
»Laborratte« oder »worker« im Vivisektionslabor? Zur Kontroverse um Donna Haraways Konzeptionen von Agency und ihrer Kritik an Tierrechten

Donna Haraways Kritik am Konzept der Tierrechte und ihre Konzeption von nichtmenschlichen Tieren in Vivisektionslaboren als »workers in labs« (Haraway) hat eine kontroverse Diskussion nach sich gezogen. So wurde ihr u. a. von Vertreter_innen der Human-Animal Studies eine Verharmlosung der Gewalt gegen nichtmenschliche Tiere vorgeworfen. Neben der Auseinandersetzung um normative Fragen sind es auch theoretische Grundverständnisse von Konzepten wie Agency oder Freiheit, die zum Auseinanderklaffen der Positionen führen. Im vorliegenden Text werden ein distributives Agency-Modell (aus dem Kontext des New Materialism) und eine subjekttheoretische Agency-Vorstellung zur Debatte gebracht. Zusätzlich wird die Kontroverse als Impulsgeber für eine produktive und machtsensible Auseinandersetzung um gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnisse reinterpretiert. Für die Human-Animal Studies ergeben sich hieraus vielfältige Ansatzpunkte der Weiterentwicklung ihrer gesellschaftstheoretischen Analysen.

Karsten Balgar
Leiblichkeit und tierliche Agency. Die Handlungsfähigkeit von Tieren im Kontext von Leiblichkeitskonzepten

Der phänomenologische Ansatz der Leiblichkeit fokussiert die Gebundenheit des Bewusstseins an den Körper. In diesem Text soll ausgelotet werden, inwiefern das Konzept geeignet ist, eine neue Perspektive auf die Handlungsfähigkeit von Menschen und nichtmenschlichen Tieren in sozialen Gefügen zu eröffnen. In diesem Kontext diskutiert der Artikel einerseits machttheoretische Ansätze zur Ergründung der Sozialität des Subjektes, andererseits existenzialistische Ansätze, die »Zwischenleiblichkeit« als Brücke zwischen Subjekten begreifen und somit neue Perspektiven jenseits der Mensch-Tier-Dichotomie eröffnen.

Katharina Dornenzweig
Sprachexperimente mit nichtmenschlichen Tieren als Ausdruck von und Herausforderung für problematische Konzeptionen tierlicher Agency

Dieser Beitrag untersucht wissenschaftliche Versuche nichtmenschlichen Tieren menschliche Sprachen beizubringen (v. a. die Experimente von Fouts, Gardner, Miles, Patterson, Pepperberg, Premack, Rumbaugh, Savage-Rumbaugh und Terrace) und die darin sichtbar werdenden Mensch-Tier-Verhältnisse mit Hinblick auf die Frage nach tierlicher Agency. Ich vertrete hierbei die These, dass diese Experimente eine Wende zu einem hier begrifflich entwickelten ›neuen Anthropozentrismus‹ ebenso wie eine methodische wie moralische Herausforderung für wissenschaftliche Objektivität darstellen und zeige innerhalb dieser Experimente widerständige tierliche Praxis, die tierliche Transformation der vorgelegten sprachlichen Mittel und die Möglichkeit der Begegnung mit tierlichen Subjekten und Welten auf. Anhand dieser wird im Fazit diskutiert, ob und wie Agency im engen, anspruchsvollen Sinne bei tierlichen Individuen gedacht und begrifflich angemessen gefasst werden kann, ohne die Probleme eines traditionellen, anthropozentrischen Agencybegriffes zu reproduzieren.

Markus Kurth
Ausbruch aus dem Schlachthof. Momente der Irritation in der industriellen Tierproduktion durch tierliche Agency

Geschichten von Ausbrüchen aus Schlachthöfen werden selten Gegenstand theoretischer Betrachtungen. Dabei, so die These, kann gerade die Analyse derartiger Momente der Irritation viel über das Mensch-Nutztier-Verhältnis und die Struktur des Schlachthofs aussagen, insbesondere im Hinblick auf die gesellschaftlichen Bedingungen tierlicher Agency. Entlang der latourschen Praxeologie, Foucaults Biopolitik und der Analytik des Werdens sowie anhand von empirischen Beispielen wird das vielschichtige Verhältnis von Macht, Technik, Performanz und Subjektivität ergründet, welches sich im Ausbruch artikuliert.

Martin Balluch
Autonomie bei Hunden. Die Fähigkeit, das eigene Handeln durch selbst gesetzte Zwecke Regeln zu unterwerfen, macht nichtmenschliche Tiere im Kantschen Sinne zu Zwecken an sich

Fühlt sich ein Hund an der Kette in seinem Selbstverständnis als gefangenes Wesen oder ist die Kette lediglich eine Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit, die er erst dann bemerkt, wenn er das Kettenende erreicht? Der erstere Fall setzt voraus, dass Hunde ein Interesse an Autonomie an sich haben. Im engen Zusammenleben mit einem Hund in der Wildnis, wenn er nicht mehr von seinem menschlichen Begleiter abhängig ist, zeigt sich, dass er ein freies Wesen ist, das nicht nur vernünftige Entscheidungen (z. B. bzgl. des besten Weges) trifft, sondern sich auch selbst Zwecke setzt und sich so an eigene Regeln bindet. Diese Einsicht wird durch neurobiologische, physiologische und wissenschaftstheoretische Überlegungen untermauert.

Natalie Geese
Autonom handelnde Individuen, Kooperationspartner_innen, Natur- oder Kulturwesen? Der Beitrag von Führhunden zur Herstellung von Agency in Mensch-Tier-Triaden

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, wie Agency innerhalb eines Führgespanns (der Verknüpfung aus Führhund und blindem Menschen) hervorgebracht wird und welche Funktionen der Führhund innerhalb dieses Prozesses übernimmt. Im Rahmen dieses Beitrags sollen vier Funktionen diskutiert werden: Führhunde als Helfer_innen, Führhunde als Belästigung/Gefahrenquelle, Führhunde als Behinderungssymbol und Führhunde als soziale Katalysator_innen. Die These meines Beitrags lautet, dass Agency – hier verstanden als die Fähigkeit die Welt zu transformieren – innerhalb eines Führgespanns nur durch kooperatives Verhalten verwirklicht werden kann. Des Weiteren gehe ich davon aus, dass die Ausübung von Agency durch den Führhund in einigen Situationen an kulturelle Werte geknüpft ist.

Jessica Ullrich
Jedes Tier ist eine Künstlerin

Im Rahmen der traditionellen Ästhetik werden nichtmenschliche Tiere überwiegend als kunstlose Wesen der Natur zugerechnet. Dennoch erleben Tiere und ihre Produkte seit den 1970er Jahren in der Kunst eine Konjunktur und werden gerade in jüngerer Zeit von Künstler_innnen als ästhetische Akteur_innen ernst genommen. Der Text geht der Frage nach, ob man in manchen Fällen von tierlicher Autorschaft oder Ko-Autorschaft sprechen kann. Im Fokus stehen ausgewählte Fallbeispiele, in denen nichtmenschliche Tiere in menschliche künstlerische Praxis einbezogen werden, dort eine eigene Handlungsmacht entfalten und Kunstwerke (mit-)erschaffen.

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