Buchvorstellung „Das Handeln der Tiere“ in Konstanz und Freiburg

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Am 14. Juli und 15. Juli wird der aktuelle Sammelband von Mitgliedern des Chimaira Arbeitskreises in Konstanz und Freiburg vorgestellt (weitere Infos siehe unten). Wir freuen uns über zahlreiches Erscheinen.

 

 

Buchvorstellung:
Vortrag und Diskussion mit Autor_innen

am Donnerstag, den 14. Juli 2016, um  18:45 Uhr
an der Universität Konstanz, Raum: Y310
Universitätsstraße 10
78464 Konstanz

und am Freitag, den 15. Juli 2016 in Freiburg.
Ort und Uhrzeit werden noch bekanntgegeben.

Fördermitgliedskampagne 50×5

Das Verhältnis von Menschen und Tieren befindet sich im Wandel und wird in der Öffentlichkeit mehr und mehr diskutiert. Die Veränderungen wissenschaftlich zu begleiten und die gesellschaftlichen Mensch-Tier-Verhältnisse kritisch zu erforschen, ist eine Aufgabe, der sich der als gemeOrigami-Frosch mit Faltanleitung (Kreide auf Tafel)innütziger Verein anerkannte Chimaira Arbeitskreis für Human-Animal Studies e. V. verschrieben hat. Zu diesem Zweck veröffentlichen wir kritische Publikationen und arbeiten mit Universitäten zusammen, um die Thematik in das Lehrangebot zu integrieren.

Jetzt Fördermitglied werden!

Heute startet unsere Kampagne 50×5, das heißt, wir suchen 50 Menschen, die unsere Arbeit mit einer monatlichen Spende von 5 Euro unterstützen. Damit soll uns ermöglicht werden, die Etablierung der Human-Animal Studies im deutschsprachigen Bereich weiter voranzutreiben, konkret: die Veröffentlichung von Sammelbänden, das Organisieren von Konferenzen, Vortragsreihen und Forschungswerkstätten und die Unterstützung und Vernetzung von Nachwuchswissenschaftler_innen. Unter den ersten zehn Fördermitgliedern verlosen wir jeweils einen unserer drei Sammelbände.

Möchten Sie uns mit Ihrer Spende oder in Form einer Fördermitgliedschaft unterstützen? Dann klicken Sie bitte hier.

Weiterführende Links:
Spenden und Fördermitgliedschaftsformular
Satzung des Chimaira Arbeitskreises

Informationen zu unserer bisherigen Arbeit

Christiane S. und die neuen Formen des Human-Animal-Studies-Bashings

Dass die zunehmende Popularität der Human-Animal Studies (HAS) im deutschsprachigen Bereich manche Menschen in Angst versetzt, ist nichts Neues. Fanden sich vor ein paar Jahren die erbitterten Kritiken noch vor allem auf Blogs und in eher auflagenschwachen Zeitungen, sind sie inzwischen auch in etablierteren Medien angekommen. So hat beispielsweise Magnus Klaue in der FAZ in einem Artikel vom 6.1.2016 Publikationen unseres Arbeitskreises als „blanken Unsinn“ bezeichnet und ihm die vermeintlich solidere Arbeit der Historikerin Mieke Roscher entgegengesetzt. Was Klaue leider übersah: Mieke Roscher ist in unseren Publikationen selbst mit diversen Beiträgen vertreten und die dem Arbeitskreis zugeschriebenen Thesen werden in den von ihm erwähnten Texten gar nicht aufgestellt.

Eine neue Form der Kritik haben nun Christiane Schulte und ihre Mitstreiter_innen gewählt: Schulte hielt auf der Tagung „’Tiere unserer Heimat‘: Auswirkungen der SED-Ideologie auf gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnisse in der DDR“ an der Technischen Universität Berlin, veranstaltet im Februar 2015 von einem Mitglied unseres Arbeitskreises, einen Vortrag mit dem Titel „Der deutsch-deutsche Schäferhund – Ein Beitrag zur Gewaltgeschichte des Jahrhunderts der Extreme“, der, wie sie in einem hier veröffentlichten Text darlegt, frei erfunden war (siehe auch nd vom 16.02.2016 und Blogeintrag von Moritz Hoffmann vom 16.02.2016). Wir möchten im Folgenden auf die von Schulte formulieren Vorwürfe eingehen, soweit sie nicht die Publikation des Papers in der Zeitschrift „Totalitarismus und Demokratie“ betreffen, da wir mit dieser Zeitschrift nicht verbunden und somit auch über deren Veröffentlichungskriterien nicht unterrichtet sind.

Wissenschaftliche Praxis

Christiane Schulte und Freund_innen behaupten, Schultes Vortrag wäre auf der Konferenz zwangsläufig enthüllt worden, wenn die Human-Animal Studies mehr als eine Modeerscheinung ohne wissenschaftliche Tiefe wären. Uns erscheint es hingegen plausibel, dass dies nicht geschah und zwar aus folgenden Gründen, die sich zum einen auf das Wesen von Konferenzen und zum anderen auf den Inhalt des Vortrags beziehen: Zu Ersterem lässt sich sagen, dass Referent_innen in ihren mündlichen Vorträgen Quellen häufig nicht sehr ausführlich benennen und selbst wenn dies geschieht, findet keine parallele Überprüfung der Angaben durch die Zuhörenden statt – wie sollte dies auch funktionieren? Nicht nur innerhalb der Human-Animal Studies, sondern generell bei (geistes- und sozial-)wissenschaftlichen Konferenzen, existiert in der Regel ein gewisser Vertrauensvorschuss gegenüber den Vortragenden, von deren wissenschaftlicher Redlichkeit ausgegangen wird. Dieses Vertrauen zu missbrauchen, ist nach unserer Meinung ein Vorgehen, das einem wissenschaftlichen Ethos widerspricht. Eine Konferenz ist ein Ort des Austausches, der gegenseitigen Anregung und des Gesprächsangebots, der in dieser Form nicht mehr funktionieren kann, wenn hinter jedem Vortrag eine Fälschung vermutet werden muss.

Bleibt die Frage, warum die Fälschung nicht vor der Konferenz, also beim Auswahlprozess, auffiel. Schließlich mussten alle Personen, die eine Präsentation ihres Themas anstrebten, vorher zwei Bedingungen erfüllen: zunächst ein Abstract und anschließend ein 15-seitiges Paper einreichen. Zu Schultes Abstract, vor allem jedoch zu ihrem ausführlicheren Paper, lässt sich feststellen, dass die meisten angegeben Quellen aus existierenden und thematisch relevanten wissenschaftlichen Werken stammten. In einigen Fällen handelte es sich um Archivmaterial, dessen Überprüfung eine Fahrt in das entsprechende Archiv notwendig gemacht hätte. Dass solch intensive Kontrollen von Angaben in Papern weder üblich noch möglich sind, dürfte allen, die im Wissenschaftsbereich tätig sind, bewusst sein.

Natürlich hätte Schultes Paper/Vortrag dennoch Misstrauen erregen können, nämlich dann, wenn die darin enthaltenen Thesen völlig absurd gewesen wären. Dem ist jedoch, entgegen der Behauptung von Schulte & Co., nicht so. Bei Schultes Paper/Vortrag handelt es sich keinesfalls um ein „absurdes Beitragsangebot“ –  so die Autorin in ihrem Artikel –, vielmehr werden bereits bestehende Forschungsansätze zum Thema „Hunde als Instrumente totalitärer Staatsgewalt“ aufgegriffen, wie sie sich beispielsweise bei Skabel und Aaron (2010), Möhring (2011) und Wippermann (1998) finden. Weiterhin ist bisher weder bewiesen noch widerlegt, dass Wachhunde aus der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) nicht von KZ-Hunden abstammten. Auch die Forderung nach einem (integrierten) Mahnmal für tote Mauerhunde, die Schulte als den Moment darstellt, an dem ihre Fälschung spätestens hätte auffallen müssen, ist keineswegs ungewöhnlich; vielmehr existieren bereits entsprechende Gedenkorte, wie  das „Animals in War Memorial“ am Londoner Hyde Park, mit dem Tieren gedacht wird, die in Kriegen umkamen. Auch gibt es, wenngleich nicht auf den Gedenkkontext beschränkt, mit „Kaninchenfeld“ von Karla Sachse seit 1999 direkt an einem ehemaligen Berliner Grenzübergang eine künstlerische Installation zu den die Grenze untergrabenden Kaninchen. Es mag sein, dass Menschen wie Schulte eine Forderung nach einem Mahnmal für Mauerhunde tatsächlich absurd erscheint, es ist jedoch gleichfalls absurd, von denjenigen, die einem anderen Mensch-Tier-Verständnis folgen, an dieser Stelle einen Aufschrei zu erwarten. Zudem muss noch erwähnt werden, dass Schultes Vortrag keineswegs auf einhellige Zustimmung stieß – es gab durchaus kritische Nachfragen, die jedoch in Schultes Artikel keine Erwähnung finden.

Worum geht es wirklich?

Dies wirft die Frage auf, worum es Schulte & Co. mit ihrem Täuschungsversuch wirklich ging. Anscheinend nicht um eine Kritik an der gängigen Überprüfungspraxis von Quellen, denn in ihrem Artikel finden sich keine Vorschläge für eine Veränderung derselben. Im Gegenteil weisen die Autor_innen darauf hin, dass ein verstärktes „peer review“ oder mehr Gutachten das Problem nicht wirklich lösen könnten, da dieses inhaltlicher Natur sei, sprich, mit dem Wesen der aktuellen Geisteswissenschaften zu tun habe. Unter diesen Geisteswissenschaften scheint jedoch insbesondere eine alle unangenehmen Eigenschaften in sich zu vereinen: die „Modewissenschaft“ Human-Animal Studies. Obwohl ein Eingehen auf die Inhalte der Totalitarismusforschung deutlich naheliegender gewesen wäre, da falsche Quellenangaben eher bei einer Publikation als bei einem Vortrag auffallen sollten und das gefälschte Paper in der Zeitschrift „Demokratie und Totalitarismus“ des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung veröffentlicht wurde, beschäftigt sich der Großteil des Textes mit einem Verriss der HAS. Dies macht deutlich, dass die Kritik an der mangelnden Registrierung gefälschter Quellen tatsächlich nur dazu dient, die recht schlichten und durchaus bekannten Argumente gegen die HAS mit einer größeren Legitimation zu versehen. Kritik an derartigen Argumenten wurde bereits an anderer Stelle geübt.

Dass die Autor_innen bestimmte Absichten verfolgen (oder sich schlichtweg nicht auskennen), zeigt sich in der Darstellung der Human-Animal Studies als wissenschaftlicher Zweig der Tierrechtsbewegung und in ihrer Reduktion derselben auf die Agency-Debatte. Tatsächlich handelt es sich bei den HAS jedoch um ein sehr breites, interdisziplinäres Forschungsfeld, das sich sowohl durch thematische Vielfalt auszeichnet, als auch durch deutliche Unterschiede bezüglich der Verortung der Forscher_innen(gruppen): Während sich einige, wie beispielsweise unser Arbeitskreis, innerhalb der kritischen Wissenschaften verorten und über die kritische Betrachtung der bestehenden Verhältnisse durchaus auch zu einer Veränderung gesellschaftlicher Mensch-Tier-Verhältnisse beitragen wollen, bevorzugen andere einen rein deskriptiven Ansatz. Eine solch differenzierte Betrachtung des Forschungsfelds wäre mit dem plumpen Human-Animal-Studies-Bashing von Schulte & Co. jedoch kaum vereinbar gewesen.

Allen, die sich für eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema „Agency bei nichtmenschlichen Tieren“ interessieren, möchten wir unsere neue Publikation „Das Handeln der Tiere. Tierliche Agency im Fokus der Human-Animal Studies“ ans Herz legen.

Chimaira – Arbeitskreis für Human-Animal Studies

 

Zitierte Literatur:

  • Möhring, Maren: „Herrentiere“ und „Untermenschen“. Zu den Transformationen des Mensch-Tier- Verhältnisses im nationalsozialistischen Deutschland, in: Historische Anthropologie, 19 (2011) 2, S. 229-244.
  • Skabel / Aaron: Rassismus züchten. Schäferhunde im Dienst der Gewaltherrschaft, in: Brantz, Dorothee/Mauch, Christof (Hrsg.): Tierische Geschichte. Die Beziehung von Mensch und Tier in der Kultur der Moderne, Paderborn (u. a.) 2010, S. 58-78.
  • Wippermann, Wolfgang: Der Hund als Propaganda und Terrorinstrument im Nationalsozialismus, in: Schäffer, Johann (Hrsg.): Veterinärmedizin im Dritten Reich, Gießen 1998, S. 193-206.

Buchvorstellungstour „Das Handeln der Tiere“

 

Bücherstapel und Flyer von Chimaira

Bücher von Mitgliedern des Chimaira Arbeitskreises

Im Januar 2016 hat die Buchvorstellungstour des Chimaira Arbeitskreises durch Deutschland, Österreich und die Schweiz begonnen. Im Rahmen der Buchvorstellungen werden Herausgeber_innen und Autor_innen einen Vortrag mit Beispielen tierlicher Handlungsmacht und wissenschaftlichen Interpretationsansätzen halten. Anschließend gibt es Raum für Nachfragen und Diskussion.

Die Buchvorstellungsreihe ist zugleich als Plattform für die Vernetzung von Nachwuchswissenschaftler_innen gedacht. Wenn Sie in Ihrer Stadt eine Buchvorstellung veranstalten möchten, schicken Sie uns bitte eine Email.

Nächste Termine:

Sonntag, 06. März 2016, 14.00 Uhr, Dresden: AZ Conni, Rudolf-Leonhard-Straße 39. Hier geht’s zum Facebook-Event.

Montag, 07. März 2016, 19.00 Uhr, Leipzig: Familiengarten, Schenkendorfstraße 10. Hier geht’s zum Facebook-Event.

Vergangene Termine:

Sonntag, 10. Januar 2016, 15.30 Uhr, Halle a. d. Saale: Goldene Rose, Rannische Str. 19

Neuerscheinung: Das Handeln der Tiere

Der neue Sammelband von Mitgliedern des Chimaira Arbeitskreises „Das Handeln der Tiere. Tierliche Agency im Fokus der Human-Animal Studies“ erscheint im Dezember 2015 im transcript Verlag. Hier können Sie den Sammelband bei uns vorbestellen, womit Sie unsere Arbeit direkt unterstützen.

CoverDer transdisziplinäre Sammelband widmet sich als erste deutschsprachige Publikation den vielfältigen Fragen nach tierlicher Handlungs- und Wirkungsmacht. Die Human-Animal Studies nehmen sich damit einer Leerstelle in der bisherigen Forschung um das zentrale Konzept der Agency an, welches in den verschiedensten Disziplinen auf der Tagesordnung steht. Dabei kontrovers diskutierte Ansätze jenseits des Anthropozentrismus, wie z. B. die Akteur-Netzwerk-Theorie und der New Materialism, werden erstmalig explizit auf tierliche Akteur_innen fokussiert.

Preis: 29, 99 Euro
272 Seiten
ISBN 978-3-8376-3226-2

Im Frühjahr 2016 wird es eine Buchvorstellungstour geben. Die Termine werden hier in den nächsten Wochen veröffentlicht.

Aus dem Inhalt:

Mieke Roscher
Zwischen Wirkungsmacht und Handlungsmacht.
Sozialgeschichtliche Perspektiven auf tierliche Agency

Dieser Aufsatz beschäftigt sich mit der Anwendung von Akteursbegriffen als genuinem Gegenstand sozialhistorischer Annäherungen an historische Subjekte und der Problematik der Ausweitung dieser Annäherung auf Tiere. Dargestellt wird, wie diese Probleme sowohl semantischer wie methodischer Natur sind und welche Auswirkungen diese Differenz in der Auslegung von Agency für Tiere als historische Subjekte hat. Damit wird einerseits für eine sauberere Trennung zwischen der Zuschreibung von Wirkungsmacht und Handlungsmacht, andererseits für eine generelle Ausweitung der Untersuchung auf das Soziale plädiert. Vorgeschlagen wird eine Diversifizierung von Akteurseigenschaften nach relationaler agency, embodied agency, animal agency und entangled agency unter Berücksichtigung des jeweiligen sozialen und zeitlichen Kontextes.

Dominik Ohrem
(In)VulnerAbilities. Postanthropozentrische Perspektiven auf Verwundbarkeit, Handlungsmacht und die Ontologie des Körpers

Der Aufsatz setzt sich mit dem Begriff der Verwundbarkeit, dessen problematischem Verhältnis zum Agency-Konzept sowie der Relevanz beider Begriffe für gängige Vorstellungen von Körperlichkeit auseinander. Kritisiert wird ein noch immer vorherrschendes reduktionistisch-negatives Verständnis von Verwundbarkeit, das sich auch in der jüngeren posthumanistischen Begriffsverwendung – so etwa bei Cary Wolfe – widerspiegelt. In Bezug auf feministische und andere Arbeiten zu Korporalität plädiert der Aufsatz für eine postanthropozentrische Ontologie des Körpers, die sich der Dichotomie von (passiver) Verwundbarkeit und (aktiver) Handlungsmacht entzieht, die konstitutive ›Welt-Offenheit‹ menschlicher und tierlicher Körper betont und damit Impulse für die Analyse von Mensch-Tier-Beziehungen liefern kann.

Leonie Bossert
Nichtmenschliche Tiere als moralisch Handelnde? Eine kritische Reflexion der Argumente von Marc Bekoff/ Jessica Pierce und Mark Rowlands

Die Auseinandersetzung mit Fragen nach tierlicher Handlungsmacht führt stets auch zur Frage nach der Befähigung nichtmenschlicher Tiere zu moralischem Handeln. Handelt z. B. ein Hund, der ein Kaninchenbaby mit ›nach Hause‹ bringt, welches sonst verhungern würde, moralisch? Diese Frage wird im vorliegenden Beitrag diskutiert. Dabei wird auf die, für die Debatte um tierliche Moralbefähigung zentralen, Positionen von Marc Bekoff und Jessica Pierce (Wild Justice) sowie Mark Rowlands (Can Animals be Moral?) fokussiert. Ihre Argumente, mit denen sie die Moralbefähigung nichtmenschlicher Tiere begründen, werden ausführlich dargestellt und im Anschluss daran kritisch reflektiert. Das Ende des Beitrages stellt die Bezugnahme zur gesellschaftlichen Relevanz des Themas dar.

Sven Wirth
»Laborratte« oder »worker« im Vivisektionslabor? Zur Kontroverse um Donna Haraways Konzeptionen von Agency und ihrer Kritik an Tierrechten

Donna Haraways Kritik am Konzept der Tierrechte und ihre Konzeption von nichtmenschlichen Tieren in Vivisektionslaboren als »workers in labs« (Haraway) hat eine kontroverse Diskussion nach sich gezogen. So wurde ihr u. a. von Vertreter_innen der Human-Animal Studies eine Verharmlosung der Gewalt gegen nichtmenschliche Tiere vorgeworfen. Neben der Auseinandersetzung um normative Fragen sind es auch theoretische Grundverständnisse von Konzepten wie Agency oder Freiheit, die zum Auseinanderklaffen der Positionen führen. Im vorliegenden Text werden ein distributives Agency-Modell (aus dem Kontext des New Materialism) und eine subjekttheoretische Agency-Vorstellung zur Debatte gebracht. Zusätzlich wird die Kontroverse als Impulsgeber für eine produktive und machtsensible Auseinandersetzung um gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnisse reinterpretiert. Für die Human-Animal Studies ergeben sich hieraus vielfältige Ansatzpunkte der Weiterentwicklung ihrer gesellschaftstheoretischen Analysen.

Karsten Balgar
Leiblichkeit und tierliche Agency. Die Handlungsfähigkeit von Tieren im Kontext von Leiblichkeitskonzepten

Der phänomenologische Ansatz der Leiblichkeit fokussiert die Gebundenheit des Bewusstseins an den Körper. In diesem Text soll ausgelotet werden, inwiefern das Konzept geeignet ist, eine neue Perspektive auf die Handlungsfähigkeit von Menschen und nichtmenschlichen Tieren in sozialen Gefügen zu eröffnen. In diesem Kontext diskutiert der Artikel einerseits machttheoretische Ansätze zur Ergründung der Sozialität des Subjektes, andererseits existenzialistische Ansätze, die »Zwischenleiblichkeit« als Brücke zwischen Subjekten begreifen und somit neue Perspektiven jenseits der Mensch-Tier-Dichotomie eröffnen.

Katharina Dornenzweig
Sprachexperimente mit nichtmenschlichen Tieren als Ausdruck von und Herausforderung für problematische Konzeptionen tierlicher Agency

Dieser Beitrag untersucht wissenschaftliche Versuche nichtmenschlichen Tieren menschliche Sprachen beizubringen (v. a. die Experimente von Fouts, Gardner, Miles, Patterson, Pepperberg, Premack, Rumbaugh, Savage-Rumbaugh und Terrace) und die darin sichtbar werdenden Mensch-Tier-Verhältnisse mit Hinblick auf die Frage nach tierlicher Agency. Ich vertrete hierbei die These, dass diese Experimente eine Wende zu einem hier begrifflich entwickelten ›neuen Anthropozentrismus‹ ebenso wie eine methodische wie moralische Herausforderung für wissenschaftliche Objektivität darstellen und zeige innerhalb dieser Experimente widerständige tierliche Praxis, die tierliche Transformation der vorgelegten sprachlichen Mittel und die Möglichkeit der Begegnung mit tierlichen Subjekten und Welten auf. Anhand dieser wird im Fazit diskutiert, ob und wie Agency im engen, anspruchsvollen Sinne bei tierlichen Individuen gedacht und begrifflich angemessen gefasst werden kann, ohne die Probleme eines traditionellen, anthropozentrischen Agencybegriffes zu reproduzieren.

Markus Kurth
Ausbruch aus dem Schlachthof. Momente der Irritation in der industriellen Tierproduktion durch tierliche Agency

Geschichten von Ausbrüchen aus Schlachthöfen werden selten Gegenstand theoretischer Betrachtungen. Dabei, so die These, kann gerade die Analyse derartiger Momente der Irritation viel über das Mensch-Nutztier-Verhältnis und die Struktur des Schlachthofs aussagen, insbesondere im Hinblick auf die gesellschaftlichen Bedingungen tierlicher Agency. Entlang der latourschen Praxeologie, Foucaults Biopolitik und der Analytik des Werdens sowie anhand von empirischen Beispielen wird das vielschichtige Verhältnis von Macht, Technik, Performanz und Subjektivität ergründet, welches sich im Ausbruch artikuliert.

Martin Balluch
Autonomie bei Hunden. Die Fähigkeit, das eigene Handeln durch selbst gesetzte Zwecke Regeln zu unterwerfen, macht nichtmenschliche Tiere im Kantschen Sinne zu Zwecken an sich

Fühlt sich ein Hund an der Kette in seinem Selbstverständnis als gefangenes Wesen oder ist die Kette lediglich eine Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit, die er erst dann bemerkt, wenn er das Kettenende erreicht? Der erstere Fall setzt voraus, dass Hunde ein Interesse an Autonomie an sich haben. Im engen Zusammenleben mit einem Hund in der Wildnis, wenn er nicht mehr von seinem menschlichen Begleiter abhängig ist, zeigt sich, dass er ein freies Wesen ist, das nicht nur vernünftige Entscheidungen (z. B. bzgl. des besten Weges) trifft, sondern sich auch selbst Zwecke setzt und sich so an eigene Regeln bindet. Diese Einsicht wird durch neurobiologische, physiologische und wissenschaftstheoretische Überlegungen untermauert.

Natalie Geese
Autonom handelnde Individuen, Kooperationspartner_innen, Natur- oder Kulturwesen? Der Beitrag von Führhunden zur Herstellung von Agency in Mensch-Tier-Triaden

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, wie Agency innerhalb eines Führgespanns (der Verknüpfung aus Führhund und blindem Menschen) hervorgebracht wird und welche Funktionen der Führhund innerhalb dieses Prozesses übernimmt. Im Rahmen dieses Beitrags sollen vier Funktionen diskutiert werden: Führhunde als Helfer_innen, Führhunde als Belästigung/Gefahrenquelle, Führhunde als Behinderungssymbol und Führhunde als soziale Katalysator_innen. Die These meines Beitrags lautet, dass Agency – hier verstanden als die Fähigkeit die Welt zu transformieren – innerhalb eines Führgespanns nur durch kooperatives Verhalten verwirklicht werden kann. Des Weiteren gehe ich davon aus, dass die Ausübung von Agency durch den Führhund in einigen Situationen an kulturelle Werte geknüpft ist.

Jessica Ullrich
Jedes Tier ist eine Künstlerin

Im Rahmen der traditionellen Ästhetik werden nichtmenschliche Tiere überwiegend als kunstlose Wesen der Natur zugerechnet. Dennoch erleben Tiere und ihre Produkte seit den 1970er Jahren in der Kunst eine Konjunktur und werden gerade in jüngerer Zeit von Künstler_innnen als ästhetische Akteur_innen ernst genommen. Der Text geht der Frage nach, ob man in manchen Fällen von tierlicher Autorschaft oder Ko-Autorschaft sprechen kann. Im Fokus stehen ausgewählte Fallbeispiele, in denen nichtmenschliche Tiere in menschliche künstlerische Praxis einbezogen werden, dort eine eigene Handlungsmacht entfalten und Kunstwerke (mit-)erschaffen.

Vortrag: 26.11.2014, Berlin

„Lebende Bilder“ und „täglich wilde Szenen“. Eine Recherche zum Tierbild in der Gestaltung von Zoogehegen

Referentin: Anne Hölck

Der Chimaira Arbeitskreis veranstaltet im Herbst die Vortragsreihe „Von Tieren und Menschen, Grenzen und Widerständen. Neue Perspektiven auf gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnisse“ im Mehringhof.

26.11.2014, 19:00 Uhr, Blauer Salon (im Mehringhof)

Warum Tiere ansehen? Die Frage stellt John Berger 1980 in seinem Essay „Why look at animals“ und stellt darin in Bezug auf den Zoo mittels der Bildkritik fest: Tiere sind aus den konkreten Räumen der Menschen verschwunden, sie dienen vielmehr den imaginären Beziehungen. Angesichts zeitgenössischer Zooarchitektur und der Tierbilder, die sie (re)produziert, stellt sich diese Frage im Kontext der Human-Animal Studies erneut – mit veränderten Perspektiven auf gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnisse.

Die Veranstaltung findet im Blauen Salon im Mehringhof (Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin) statt und ist kostenfrei und leider nicht barrierefrei.

Vortrag: 10.12.2014, Berlin

Von Arbeitstieren und Menschenbildern. Ein anthropozentrismus-kritischer Blick auf Arbeit und die Mensch-Tier-Grenze

Referierende: Aiyana Rosen & Sven Wirth

Der Chimaira Arbeitskreis veranstaltet im Herbst die Vortragsreihe „Von Tieren und Menschen, Grenzen und Widerständen. Neue Perspektiven auf gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnisse“ im Mehringhof.

Als Letztes referieren Aiyana Rosen und Sven Wirth: „Von Arbeitstieren und Menschenbildern. Ein anthropozentrismus-kritscher Blick auf Arbeit und die Mensch-Tier-Grenze.

Aiyana Rosen und Sven Wirth stellen sich einem allgemeineren Thema: was heißt eigentlich Arbeit und wie werden darüber Grenzen zwischen Menschen und anderen Tieren gezogen? Die Vortragenden diskutieren verschiedene Arbeitskonzepte und bringen uns somit einen Einblick in die Definitionen von Arbeit: was ist Arbeit und wer kann überhaupt arbeiten?

Die Veranstaltung findet im Versammlungsraum im Mehringhof statt und ist kostenfrei und leider nicht barrierefrei.

Call for Papers: Forschungswerkstatt und Sammelband „Tierliche Agency“

Handeln Tiere?  Zur Theorie und Praxis tierlicher Agency

Der Chimaira Arbeitskreis für Human-Animal Studies veranstaltet in Kooperation mit dem Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin und der Nachwuchsforschungsgruppe „Wissenschaftsethik der Forschung für Nachhaltige Entwicklung“ des Internationalen Zentrums für Ethik in den Wissenschaften Tübingen im Herbst dieses Jahres eine Forschungswerkstatt zum Thema „Tierliche Agency“.  Hierauf aufbauend wird 2015 ein Sammelband herausgegeben.

Call for Papers

Geht Handlungsmacht ausschließlich von menschlichen Subjekten aus? Diese These möchten wir in einer Forschungswerkstatt in Hinblick auf die Besonderheiten tierlicher Agency kritisch hinterfragen.

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Vortrag von Anett Laue: „Unsere Heimat – Unsere Tiere. Zur Wirkung der SED-Ideologie auf gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnisse in der DDR“, Berlin

Im Rahmen der Ausstellung „Unsere Tiere“ im Tieranatomischen Theater der Humboldt-Universität zu Berlin findet folgender Vortrag statt:

Donnerstag, 5. Juni 2014
19:00 Uhr
Referentin: Anett Laue
„Unsere Tiere – Unsere Heimat. Zur Wirkung der SED-Ideologie auf gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnisse in der DDR“

Vortrag von Aiyana Rosen & Sven Wirth: „Tier_Ökonomien? Über die Rolle der Kategorie ‚Arbeit‘ in den Grenzziehungs­praxen des Mensch-Tier-Dualismus“, Uni Mainz

Der kommende Vortrag von Mitgliedern des Chimaira Arbeitskreises findet im Rahmen der Vortragsreihe Human-Animal Studies an der Universität Mainz statt.

Montag, 26.Mai 2014
18:00 Uhr

Referent_innen: Aiyana Rosen und Sven Wirth vom Chimaira – Arbeitskreis für Human-Animal-Studies
Vortrag:
„Tier_Ökonomien? Über die Rolle der Kategorie ‚Arbeit‘ in den Grenzziehungspraxen des Mensch-Tier-Dualismus“